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Indien



Die Wissenschaft vom Leben - ein Geschenk der Götter


Historische Darstellung einer Ayurveda-Behandlung

Ayurveda bedeutet "Wissen vom Leben" (ayur = Leben, veda = Wissen) und beruht auf einer grossartig konzipierten Lebenskunde, die den psychophysischen Dualismus des Abendlandes vermeidet und sich statt dessen der ganzen menschlichen Existenz zuwendet.

 

 

 

 

 

 

Indien, wo es schon vor mehr als 4500 Jahren blühende Hochkulturen gab, ist Heimat dieser Heilkunde. Mythen besagen, dass das erstaunliche Wissen dieser komplexen Menschen- und Lebenskunde ein Geschenk der Götter an die Menschen war. Brahma, der Schöpfer, habe die Wissenschaft vom Leben in 1000 Strophen von jeweils 1000 Kapiteln zusammengefasst, die Lehre aber später wegen der Kürze des menschlichen Lebens und der begrenzten Kapazität des menschlichen Gedächtnisses auf acht Einzelbereiche reduziert.

Im Mythos übergibt Brahma die Ayurveda an Prajapati, den "Herrn der Geschöpfe". Der wiederum reicht die Ayurveda an die "Asvins", die göttlichen Ärzte, weiter. Die "Asvins" übermittelten Ayurveda dann "Indra", dem "Gott der Götter". Die Weitergabe an die Menschen wird dann wie folgt beschrieben: Vor ewigen Zeiten wohnten die Menschen an Flüssen, in Wäldern und an Berghängen. Sie lebten lange und kannten nur wenige Krankheiten, hielten sich an strenge Regeln und pflegten enge Beziehungen zur Natur und zum Göttlichen. Später entstanden erst kleinere, dann immer grössere Städte. Es entwickelte sich eine städtische Kultur, die aber die Menschen von der früheren gesunden Lebensweise wegführte.

Es traten Krankheiten auf, gegen die kein Kraut gewachsen zu sein schien. Die Menschen schickten einen Boten zu "Indra", um dessen Rat einzuholen. Unterwegs begegnete ihm schon "Indra", der schliesslich die Menschen das Wissen vom Leben, die Ayurveda, lehrte Die nach-vollziehbare Geschichte der Ayurveda beginnt mit den "Veden", den vier Sanskrit-Schriften, die als die ältesten Zeugnisse der indischen Literatur gelten. In der zwischen 1500 und 1000 v. Chr. entstandenen "Rig Veda"werden bereits Operationen, Prothe-sen und 67 Heilpflanzen beschrieben. Die "Atharva Veda" dokumentiert um 700 v. Chr. eine erstaunliche Weiterentwicklung der Heilkunde: Sie führt 290 Heilpflanzen auf, erläutert diverse Therapien für verschiedenste Krankheiten und formuliert die Lehre vom Menschen in Gesundheit und Krankheit.

Der erste, namentlich bekannte, historisch belegte Arzt war Charaka, der zwischen 1000 und 700 v. Chr. gelebt haben dürfte. Er schrieb sein medizinisches Wissen in der "Charaka-Samhita" nieder, die als eine der drei Säulen der Ayurveda gilt. Dieses geniale Kompendium früher ärztlicher Kunst enthält eine systematische Beschreibung von Krankheiten sowie ihrer Diagnose, die auf der sorgfältigen Beobachtung des klinischen Bildes, der Feststellung der Ursache, der Krankheitsentwicklung, der physischen Veränderung sowie der Persönlichkeit des Pa-tienten, seiner Konstitution und Disposition beruht. Sowohl erbliche Veranlagungen als auch die ersten Anzeichen einer möglichen Erkrankung werden in die Diagnose einbezogen. Charaka erwähnte bereits mehr als 500 Heilpflanzen und deren mögliche Dosierung bei bestimmten Krankheitsbildern.

Das zweite wichtige Werk der Ayurveda-Literatur ist die "Sushruta-Samhita". Sie entstand ca. 200 Jahre nach der "Charaka-Samhita" und enthält auch für den heutigen Arzt eine Vielzahl von Informationen über chirurgische Eingriffe. Als dritte Säule der Ayurveda gilt die "Astangahrdaya" des Arztes Vagbhatas, der im 7. Jahrhundert n. Chr. lebte. Er kombinierte das medizinische Wissen aus Tibet und China mit den Erkenntnissen der Charaka und der Sushruta Es gilt heute als sicher, dass Asien die Wiege der medizinischen Wissenschaft war. Auf den ostwestlichen Handelswegen wurde auch medizinisches Gedankengut transportiert. Auffallend sind Ähnlichkeiten der Ayurveda mit der altchinesischen Physiologie und auch physiologische Vorstellungen, die mit denen der westlichen Antike nahezu identisch sind. Die Nähe der "Drei-Säfte-Lehre" zu dem antiken Modell des Hippokrates ist verblüffend. Auch der berühmte Arzt von der Insel Kos sprach von Schleim, Galle und Blut als wichtigsten Grundlagen für Gesundheit und Krankheit. Die neuralgischen Punkte, die in der chinesischen Akupunktur eine wichtige Rolle spielen, sind auch in der Ayurveda bekannt; zur Behandlung werden in der Ayurveda jedoch keine Nadeln benutzt, sondern Druckmassagen – eine Art Akupressur. Berücksichtigt man, dass die medizinische Wissenschaft Chinas während der kulturellen Blüte im Jahre 200 v. Chr. einen Aufschwung erlebte, so wird angesichts des "Alters" der Ayurveda und der Han-delswege zwischen Indien und China aus der Vermutung grösste Wahrscheinlichkeit, dass auch die chinesische Medizin im Ayurveda ihren Ursprung hat bzw. darauf zurückgeführt werden kann.

Unter Kaiser Ashoka wurde in Indien der Buddhismus Staatsreligion. Im ganzen Land wurden Krankenhäuser gebaut, Ärzte und Pflegepersonal ausgebildet und Heilkräutergärten angelegt. Während dieser Zeit (etwa 350 v. Chr.) gehörte das ayurvedische Wissen zum wichtigen Rüstzeug der in ganz Asien missionierenden buddhistischen Mönche. Mit dem Buddhismus breitete sich die Ayurveda in Asien aus: In Tibet, Zentralasien, Sri Lanka, China, Japan, Indochina und Indonesien werden noch heute Ayurveda bzw. davon abgeleitete Heilkunden praktiziert In Europa sind ayurvedische Einflüsse bereits für die Antike nachweisbar.

Der Römer Galenus Galen, der legendäre Leibarzt des Kaisers Marcus Aurelius, prägte mit rund 400 heilkundlichen Schriften die Entwicklung der Medizin Europas nachhaltig. Galenus war ein überzeugter Anhänger von Hippokrates und sorgte dafür, dass viele medizinische Lehren der klassischen Antike bis weit in die Neuzeit hinein überlebten.

Das Bindeglied zwischen Ayurveda und den heute praktizierten Naturheilverfahren, die in ihr ihren Ursprung haben, bildet die Eroberung Indiens durch die Muslime, Ende des 8. Jahrhunderts nach Christus. So wurde die Unani-Medizin, eine Mischform aus arabischer und griechischer Tradition, nachhaltig durch die Ayurveda beeinflusst. Sie gelangte dann im "Heiligen Krieg", dem Bekehrungsfeldzug der Sarazenen auch nach Sizilien, Süditalien, Südfrankreich und Spanien und von hier dann weiter nach Mitteleuropa.

Während im Abendland die Alchimisten auf der Suche nach dem Elixier des Lebens und dem Rezept zur künstlichen Herstellung von Gold chemische Prozesse und neue Substanzen entdeckten, erforschten in Indien Nagaryuna und seine Schüler die medizinische Wirksamkeit von Mineralien und Metallen und entwickelten komplizierte Herstellungsverfahren für mineralische und metallische Medikamente - eine medizinische Grundlagenforschung, die in Europa erst Jahrhunderte später Bedeutung erlangte.